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Liebe Skiclubfreunde, da viele von Euch grosses Interesse daran hatten, meinen Jakobsweg von St. Jean Pied de Port nach Santiago de Compostella zu verfolgen, habe ich mich entschlossen, dieses Tagebuch noch ein bisschen länger auf der Skiclubseite zu lassen. Sonja Berger 16.05.08: Aufbruchstimmung Mit Sekt werde ich am Freitag Nachmittag um 16:48 Uhr mit einem 9 kg schweren Rucksack von Oberbuchsiten nach Santiago de Compostela verabschiedet. Der ein oder andere feiert jetzt schon, dass ich endlich weg bin. Im Nachtzug von Genf nach Bayonne mache ich die Erfahrung, dass fuenf Personen in einem Liegewagen nahezu stapelbar sind. Am Samstag Nachmittag treffe ich in Saint Jean Pied de Port ein. 17.05.08: erste Herberge Ich habe Glueck, die erste Herberge, in der ich schlafe "L'esprit du chemin", ist eine der besten auf dem ganzen Weg. Um 19:30 Uhr machen die Herbergseltern Huberta und Arno ein tolles Abendessen fuer alle Pilger. Ich bin die einzige deutschsprachige Pilgerin am Tisch. Die Mehrzahl der anderen Pilger kommt aus Holland, Belgien, Frankreich, aber auch aus Canada und Korea, portugiesische Radpilger sind auch mit dabei. 18.05.08: Aufstieg nach Orisson Am Sonntag Morgen besuche ich einen baskischen Gottesdienst, ich verstehe kein Wort, aber es war ein interessantes Erlebnis. Ich lasse es langsam angehen, erst um 10:00 Uhr breche ich auf nach Orisson, das ist eine kleine Herberge mitten in den Pyrenaen. Dort werde ich uebernachten und mich auf den schwierigen Abstieg am Montag nach Roncevalles vorbereiten. 19.05.08: Weg nach Roncevalles Nach einer sehr ungemuetlichen Nacht in der Herberge Orisson beginnt der fruehe Aufstieg / Abstieg zum Kloster Roncevalles in Spanien bei stroemendem Regen, starkem Nebel und klirrender Kaelte. Zusammen mit drei Oesterreichern Monika, Susanne und Franz mache ich mich an die schwierigste Passage des ganzen Caminos. Wir laufen / watten durch unvorstellbar schlechte Weg- und Wetterbedingungen. Voellig durchnaesst, mit Schuhen, in denen die Fuesse schwimmen, kommen wir an. Wir muessen nicht im riesigen Schlafsaal uebernachten, sondern zahlen ein paar wertvolle Euros mehr fuer ein warmes 4-Zimmer-Appartement direkt neben dem Kloster. Es ist der Himmel auf Erden! 20.05.08: Massenherberge Larrasoana Nach einer recht zuegigen Wanderung durch die schoene Landschaft von Navarra uebernachte ich heute zum erstenmal in einer Massenherberge mit Containern, in denen die WCs und Duschen untergebracht sind. Es ist sehr unangenehm und das Schnarchkonzert laesst sich auch mit Ohrstoepseln kaum ertragen. Ich schlafe kaum und bin froh, dass ich am morgen zusammen mit den Oesterreichern aufbrechen kann. 21.05.08: Pamplona Stadt der Stiere Wir sind bereits Mittags in Pamplona und schauen uns die Stadt an, die bekannt ist fuer die Stiere, die durch die Stadt getrieben werden. In unserer Unterkunft ist meine Dusche kaputt und ich setze die halbe Herberge unter Wasser. Ich teile mir mit den Oesterreichern, die mich mittlerweile zu ihrem "Findelkind" erklaert haben, ein Vier-Bett-Zimmer und wir koennen uns richtig gut erholen. 22.05.08: Krise in Puente la Reina Heute entschliesse ich mich, meine Oesterreicher schweren Herzens ziehen zu lassen. Sie sind mir einfach zu schnell. Doch ich konnte viel von ihnen lernen, wie man den Rucksack richtig packt, was den Fuessen gut tut und was man im Leben besser tun und lassen sollte. Abends gehe ich zuerst wieder in eine grosse Herberge, habe dort jedoch die totale Krise und gehe eine Ortschaft weiter, um mir ein Einzelzimmer zu mieten und durchzuschlafen. 23.05.08: Bodega-Leben in Lorca Der heutige Tag ist die reinste Schlammschlacht. Die Landschaft ist zwar wunderschoen und einzelne Weinberge zieren den Weg, doch die Fuesse rutschen trotz der Stoecke mehr nach hinten als nach vorn. Die Strecke ist wie eine Lehmbahn, als dann auch noch ein Gewitter aufkommt, beschliesse ich bereits in Lorca zu uebernachten, das waren dann nur 15 km. Die Herberge ist eine nette Bodega und ich treffe Manuela aus Dortmund und Constanze aus Suedafrika wieder, die auch schon in Pamplona in der Herberge waren.
24.05.08: Villamayor de Monjardin Wir Maedels brechen frueh auf und sind bereits um 11 Uhr bei der Bodegas Irache, das ist ein Pilgerbrunnen, aus dem nicht nur Wasser, sondern wirklich Wein fliesst. Von weitem sehe ich schon das kleine Brieflein beim Brunnen stecken: "Fuer unser Findelkind Sonja Berger von Deiner Oesterreichischen Familie", steht auf dem Umschlag. Ich freue mich so sehr, sie haben mir eine Nachricht hinterlassen und sie wussten genau, dass ich diesen Brunnen nicht auslassen wuerde! Leider wird der Abstand zwischen uns immer groesser. 25.05.08: Regen in Viana Nachdem ich heute den ganzen Tag alleine unterwegs war, habe ich doch endlich die 30 km Marke geknackt. Kurz vor Viana zieht wieder ein starkes Gewitter auf, doch ich treffe noch halbwegs trocken in der Herberge ein. Dort sind viele bekannte Gesichter: Albert mit seinen 68 Jahren und Eberhard mit 51 und wir gehen noch zusammen zum Herbergsmenue. Dort ist auch Annegret, eine deutsche Aerztin, die ich auch schon oefter gesehen habe. 26.05.08: Sprint durch den Park von Logrono Manuela, Constanze, Marion und ich brechen erst nach 7:00 Uhr in Viana auf und troedeln Richtung Logrono, das ist die Hauptstadt des Rioja Gebietes. Dort decken wir uns in der Apotheke und im Supermarkt wieder mit den wichtigsten Dingen ein und troedeln gemuetlich weiter. 13 km bis zur naechsten Herberge in Navarette liegen noch vor uns. Ein heftiges Gewitter laesst uns jedoch schnell durch den Stadtpark sprinten, ueber ueberschwemmte Strassen und rote Lehmbaeche gelangen wir doch noch ans Ziel. 27.05.08: Neue Herberge in Azofra Heute bin ich mit Albert, Eberhard und Annegret unterwegs, sie gehen etwas schneller als die Maedchen. Bereits mittags sind wir in Najera und trinken einen Cafe con Leche in einer Bar. Annegret erzaehlt mir, dass sie sich vor drei Tagen in einem Dorf ein Hochzeitskleid gekauft hat und es via Postweg nach Hause geschickt hat, leider hat sie es vorher nicht mehr fotografiert. Nachmittags kommen wir nach Azofra in einen grosse, neue Herberge. Heute haben wir somit die 200 km Marke ueberschritten und die Maedels trudeln auch noch ein. 28.05.08: Mit Treiber nach Redecilla del Camino Mein Treiber Juergen aus Koeln jagt mich heute in einem ziemlichen Tempo den Camino vor sich her, ich will ihn einfach nicht ueberholen lassen und unser Tempo ist sehr hoch. Kaum angekommen, bricht auch schon das naechste starke Gewitter ueber uns herein und ich bin froh, noch einigermassen trocken zu sein. Mittlerweile kennen wir schon alle Arten von Lehmboden: schmierigen rotbraunen Lehmboden, orangebraunen triefenden Lehmboden, hellbraunen rutschigen Lehmboden..., eines ist klar der Rioja Wein-Jahrgang 2008 wird ziemlich ungeniesbar sein, denn die Zahl der Sonnenstunden ist vernachlaessigbar klein. 29.05.08: Odysee nach Burgos Der Tag begann ganz normal mit Abmarsch um 06:30 Uhr ins naechste 25 km entfernte Dorf. Als ich dort bereits um 13:00 Uhr angekam, beschloss ich, noch weitere 12 km bis zum Kloster San Juan de Ortega anzuhaengen. Ein Ungar, den ich unterwegs traf, hatte die gleiche Idee. Durchnaesst und mit 37 km in den Beinen kamen wir an, und es hiess "completo", wir sind voll, und all die nachfolgenden Herbergen auch. Horror! Man schickte uns nochmal 5 km weiter zu einem Motel, von wo wir dann direkt mit einem Taxi ins 19 km entfernte Burgos fuhren. Das war mein erster und hoffentlich letzter Marathon mit einem Rucksack. 30.05.08: Feiertag in Burgos Da ich ja quasi gestern zwei Tagesmaersche absolviert hatte, wollte ich heute einen Tag Pause in Burgos machen, wieder das noetigste Einkaufen, Waesche waschen etc. Doch die Geschaefte machten einfach nicht auf. In Burgos war regionaler Feiertag. => Erkenntnis der letzten zwei Tage: Information und Planung waeren alles! 31.05.08: Kaelte in Hontanas Um 06:00 Uhr ging es los, mindestens sieben Stunden Laufen lagen vor mir. Viele Radpilger haben groesstenteils schon aufgegeben, da der Lehmschlamm auf den Wegen kaum mehr ein Durchkommen fuer sie zulaesst. Ihre Bremsen, Gangschaltungen etc. sind kaputt. Allmaehlich werde ich mir auch noch Handschuhe und Leggings kaufen, sonst erfriere ich irgendwann. 01.06.08: Sonntag in Boadilla del Camino Gemaess Mark Twain: " Der kaelteste Winter, den ich je erlebt habe, war nicht ein Sommer in San Francisco, sondern ein Sommer in Nordspanien..." Was soll ich dazu noch sagen, das Wetter ist einfach scheisse und die Stimmung bei allen Pilgern im Keller. Jeder ist durchnaesst, die Schuhe werden nicht mehr trocken und triefende Nasen sowie bellender Husten sind die Regel. Gruesst mir die Sonne und lasst uns auch noch ein paar Sonnenstrahlen uebrig. 02.06.08: "Familienzusammenfuehrung" in Carrion de los Condes Endlich habe ich es geschafft, ich bin um fuenf Uhr morgens bei totaler Dunkelheit losgelaufen, in einen fuerchterlichen Regenschauer geraten, doch ich habe meine oesterreichische "Familie" wieder getroffen. Wir haben uns zu einem Cafe con Leche in einer Bar verabredet und sind von dort zusammen weiter gelaufen. Die Welt ist wieder in Ordnung und die Sonne scheint momentan auch noch. 03.06.08: schoenes Wetter in Terradillos de Templarios Knapp 30 km sind wir heute durch die spanische Meseta gelaufen, die auf einer Hoehe von 800 m von weiten Weizenfeldern gepraegt ist. Das Wetter war wunderschoen und der Weg lag endlos vor uns. Die Zeit verging sehr schnell, da die Oesterreicher und ich uns soviel zu erzaehlen hatten. Der Ort, an dem wir heute uebernachten, ist gepraegt von der Geschichte der Tempelritter. Gut habe ich Illuminati und Sakrileg von Dan Brown gelesen, da weiss ich, dass ich mich in Acht nehmen muss ;-) 04.06.08: Gesundschlafen in El Burgo Ranero Nachdem mir die Tempelritter wohl etwas Ungeniesbares ins Essen (nicht in den Wein!) gemischt haben, durfte ich letzte Nacht groesstenteils auf der Toilette verbringen. Am Morgen habe ich mich noch 15 km nach Sahagun geschleppt, von wo ich dann aber doch ein Taxi in die naechste Herberge bestellte. Dort habe ich dann den ganzen Tag geschlafen und mir war es egal, dass draussen schon beinahe Minusgrade herrschten und es wieder wie aus Kuebeln schuettete. 05.06.08: offene "Gschaefterl" in Leon 20 km Laufen und 15 km Busfahren waren heute die Devise, da die Vororte von Leon dermassen unattraktiv sind, dass wir uns das nicht antun wollten. Dafuer war ich endlich mal in einer Stadt, in der die Gschaefterl offen hatten. Obwohl es fuer mich fast eine Strafe ist, durch eine Stadt zu gehen und nichts kaufen zu koennen, weil ich ja genau weiss, dass ich dann alles im Rucksack schleppen muss. Uebrigens mehr als die Haelfte meines Weges ist zwischenzeitlich geschafft and I´ll keep on walking! 06.06.08: San Martin del Camino Der Camino war zum erstenmal aufgeteilt in zwei Alternativen: den Weg fuer die leichten Suender und den Weg fuer die schweren Suender. Dreimal duerft ihr raten, welchen Weg ich genommen habe. Ich verrate nur soviel, der Weg war aehnlich attraktiv wie den ganzen Tag von Spreitenbach nach Altstetten und wieder zurueck zu laufen oder 7 Stunden in Muenchen um den Stachus. Naja, aber die Herberge war toll, neu, von einem aelteren Ehepaar gefuehrt und das Ganze fuer fuenf Euro. Der Schnitt fuer eine Herberge liegt zwischen fuenf und acht Euro, manchmal reicht auch eine kleine Spende. Pilgermenues kosten dann meist noch 9 Euros. 07.06.08: Schokoladen- und Bischofsstadt Astorga Im 18. und 19. Jahrhundert war Astorga die Schokoladenstadt Spaniens, da der Kakao aus den Ueberseekolonien direkt hier verarbeitet wurde. Auch der Bischofspalast, den Gaudi hier gebaut hat, ist sehr sehenswert. Doch die Gedanken schwirren allmaehlich immer mehr Richtung Cruz de Ferro, zu dem wir uebermorgen kommen. Es ist fuer manche Pilger fast wichtiger als Santiago de Compostela selbst, denn dort legt man einen Stein ab, den man von zu Hause mitgebracht hat und der symbolisch das Ablegen einer Seelenlast bedeutet. 08.06.08: Rabanal del Camino Gestern Abend in Astorga war es noch richtig schoen, eine grosse Plaza, wo die Leute sassen, gutes Essen und gute Stimmung, doch heute morgen war alles schon wieder ganz anders. Eiskalt, starke Regenschauer und zwei Leute aus unserer Gruppe, die kaum noch laufen koennen. Meist sind wir zu neunt: die drei Oesterreicher, dann Maria, Josef und Bernhard, die bereits am 1. April von Heilbronn aus gelaufen sind und ueber 2000 km hinter sich haben, Heiner aus Mainz und Inge aus Schwaben. Meist bin ich jedoch mit Susanne, der Oesterreicherin, die in Griechenland lebt, zusammen. Morgen wird es ernst, grrr... 09.06.08: Stimmungstief in Ponferrada Nachdem wir Inge heute morgen zurueck lassen mussten, gehen wir relativ angespannt zum Cruz de Ferro. Der Weg dorthin ist wunderschoen, einer der schoensten auf dem ganzen Camino, gelber und weisser Ginster sowie rosa Heidekraut zieren den Weg. Der Stein, den ich extra aus Suedafrika vom Cap of Good Hope mitgebracht habe, ist schneller abgelegt als gedacht, und morgens um 9:00 Uhr bin ich von saemtlicher Seelenlast befreit. Die Strecke hat es in sich, knapp 1000 Hoehenmeter und 35 km liegen hinter mir, als wir nachmittags in Ponferrada eintreffen. Die Herberge ist wiedermal riesig und ich bin leicht genervt von all den Leuten. 10.06.08: Wiedersehen mit Conny in Cacabelos Heute, kurz nach Ankunft in der Herberge, konnte ich es gar nicht fassen, Constanze aus Suedafrika war auch da. Sie war eines der Maedels mit denen ich zwischendurch immer gelaufen bin. Sie hatte damals schon furchtbare Blasenprobleme und ich hatte erwartet, sie nicht mehr zu sehen. Doch sie war ein grosses Stueck mit dem Bus gefahren und damit den anderen Maedels drei Tage voraus. Dieses Wiedersehen musste natuerlich gefeiert werden und wir verbrachten den angebrochenen Nachmittag in ausgelassener Stimmung in einer Tapasbar bei Pulpo und Wein. 11.06.08: Brasilherberge in Vega de Valcarce "Das Pilgern waere schon schoen, wenn nur das bloede Gehen nicht waere", so aehnlich, habe ich es jetzt schon von mehreren Pilgern gehoert oder "Frag mich nicht, was mir weh tut, morgen tut mir sowieso etwas anderes weh!" Naja, ganz so schlimm ist es nicht. Heute haben Susanne und ich die Alternative "camino duro" gewaehlt, war recht hart, doch morgen kommt der gefuerchtete El Cebrero, eine sehr steile Strecke in Galicien. Dafuer staerke ich mich jetzt noch in einer brasilianischen Herberge, die endlich mal etwas Abwechslung bietet. 12.06.08: im Barrekord nach Fonfria Susanne und ich haben es heute wirklich geschafft, auf einer Strecke von 25 km 5 Bars aufzusuchen. Zuerst gab es den ueblichen Cafe con Leche, dann ein Wasser, ein Bogadillo (Spanisches Sandwich), Eis und nochmals einen Kaffee. Somit haben wir den El Cebrero ohne groessere Schwierigkeiten gemeistert und uns den Alkohol fuer die Herberge aufgehoben. Ich glaube, ich habe noch kein Gramm abgenommen, die Versuchungen sind einfach zu gross. 13.06.08: im Fotorekord nach Sarria Gestern haben wir die Region Castilla y Leon zurueck gelassen, durch die wir jetzt fast 400 km seit dem Rioja Gebiet gewandert sind. Jetzt sind wir im gruenen Galicien und ich finde, es ist die bisher schoenste Strecke. Ganz viele kleine Bauerndoerfer, in denen die Zeit still zu stehen scheint, saeumen unseren Weg. Mehr als 1000 Bilder habe ich bereits gemacht und ich habe das Gefuehl, dass ich zunehmend mehr als weniger fotografiere. Schliesslich moechte ich meine Eindruecke ja auch mit nach Hause nehmen und sie mit Euch teilen ;-) 14.06.08: Ferienstimmung in Portomarin Der staendige Stress wegen freier Herbergsplaetze ist heute mal vergessen. Wir haben eine tolle Herberge in Portomarin, mit Ausblick auf den blauen Stausee. Das Essen ist so, wie ich es mir seit vier Wochen erhoffe: Gambas in heissem Knoblauchoel, mit gruenen, gebratenen Piementos und als Dessert Quittengelee mit Schafskaese. Bueno! 15.06.08: Gespalten in Palas de Rei Der 100 km Grenzstein von Santiago liegt hinter uns, der Endspurt bereits vor uns. Doch obwohl wir dem Ziel so nahe sind, ist die Stimmung schlecht. Die Gruppe ist gespalten, die einen wollen nur noch rennen, am liebsten 30 km am Tag, die anderen wollen eher die letzten Kilometer geniessen. Ich gehoere zu den Geniessern und werde wohl morgen nur eine Etappe von 15 km einlegen. Vielleicht gibt es ja auch endlich mal wieder irgendwo ein Einzelzimmer mit frischen Bettlaken und eigenen Handtuechern, ohne Schnarcher und ohne Ohrstoepsel. 16.06.08: zu zweit in Melide Zum Einzelzimmer hat es nicht gereicht, denn ich teile mir ein Doppelzimmer mit Susanne. Doch das ist natuerlich kein Problem und wir geniessen es beide. Nach einem Vollbad haben wir die Waesche gewaschen und nun ist unsere Waescheleine quer durchs ganze Zimmer gespannt. Falls sie nicht trocken wird, sind wir innovativ und spannen sie morgen an den Rucksack. Obwohl es natuerlich sein kann, dass wir nach dem Fussballmatch Deutschland gegen Oesterreich getrennte Wege gehen... 17.06.08: mit Exerzitien nach Arzua Die letzten paar Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Daher beschliessen Susanne und ich ein paar Exerzitien durchzufuehren, die Paulo Cohelo in seinem Buch beschrieben hat. Zuerst gehen wir 20 Minuten so langsam wir nur koennen, die anderen Pilger sehen uns voellig verdattert an und fragen "are you ok?". Dann machen wir das Exerzitium des Vertrauens, einer verbindet dem anderen die Augen und beschreibt den Weg. Zum Schluss kommt noch das Exerzitium des Schweigens bis zur Ortstafel von Arzua, fuer uns Quasseltanten ist das fast am schwersten. 18.06.08: Countdown in Arca O Pino Heute haben wir die Kilometersteine 42 km bis 21 km hinter uns gelassen. Morgen laeuft der Countdown fuer die letzten 21 km. Wir wollen bereits um 12 Uhr in Santiago sein, denn dann ist dort Pilgermesse, wo taeglich die Neuankoemmlinge begruesst werden. Es ist ein komisches Gefuehl, so kurz vor dem Ziel zu stehen, man kann es noch gar nicht glauben. Ich bin richtig froh, dass ich noch vorhabe, weitere 100 km zum Atlantik nach Finisterre - bis ans Ende der Welt - zu laufen, so ist fuer mich mit dem Pilgern morgen noch nicht ganz Schluss. 19.06.08: Ankunft in Santiago de Compostella Geschafft, fast 800 km liegen hinter uns! Die Freude ist riesengross! Es ist einfach wunderschoen, Santiago gesund und munter erreicht zu haben. Die Pilgermesse ist sehr eindrueklich, die Kirche bis auf den letzten Platz mit Fuss-, Rad- und Buspilgern gefuellt. Jeder ist geruehrt und auch ein bisschen stolz. Am Nachmittag holen wir unsere Compostella ab, die Pilgerurkunde, die nur fuer die Pilger ausgestellt wird, die die letzten 100 km zu Fuss gelaufen sind oder die letzten 200 km per Fahrrad, Esel oder Pferd gemacht haben. Am Abend gehen wir alle noch einmal zusammen Essen. Josef, Maria und Bernhard, die seit 1. April von Heilbronn aus unterwegs sind, fahren morgen heim, ebenso Heiner. Meine Findeleltern Monika und Franz goennen sich keinen Ruhetag und laufen bereits morgen nach Finisterrre. 20.06.08: Ruhetag in Santiago de Compostella Punkt 12:00 Uhr sind Susanne und ich bereits ein zweites Mal in der Pilgermesse und es ist noch eindruecklicher als am Vortrag. Es wird naemlich das 50 kg schwere Weihrauchfass durch das Querschiff der Kirche geschwenkt - ein Riesenspektakel, das normalerweise nur zu besonderen Anlaessen gemacht wird und mit dem wir nicht gerechnet haben. Mehrmals ist dieses Weihrauchfass schon uebers Ziel durch die Kirchenfenster hinausgeschossen, heute gluecklicherweise nicht. Gestern habe ich noch das Grab des Heiligen Apostel Jakobus besucht und seine Bueste umarmt, dabei darf man sich ganz fest etwas wuenschen - es hat mich tief bewegt. 21.06.08: Kleider verbrennen in Finisterre Da Susanne keine Zeit mehr hat, nach Finisterrre rauszulaufen und mit dem Bus rausfahren will, plane ich eine kleine Kursaenderung. Ich fahre auch mit ihr raus und laufe dann von dort drei Tage zurueck nach Santiago. Dadurch habe ich grosse Chancen, noch die Pilger zu sehen, die jetzt schon nach Finisterrre unterwegs sind. Ausserdem hat es mich schon die ganze Zeit gereizt, quasi als Gegenverkehr in die falsche Richtung zu laufen. Das ist bestimmt ein Experiment wert. Zuvor gehe ich aber noch in den Atlantik und verbrenne anschliessend ein paar Pilgerkleider am Leuchtturm, so wie es die Tradition will. Am Abend machen wir noch ein kleines Picknick am Strand und feiern Abschied. 22.06.08: Olveiroa Pilgern fuer Fortgeschrittene Nach zwei Tagen Wander-Abstinenz bin ich um 6:00 Uhr richtig froh, endlich wieder in meine Wanderschuhe zu steigen, meinen Rucksack umzubinden und meine Walking-Stoecke in die Hand zu nehmen. Die ersten drei Stunden laufe ich noch am Atlantik entlang, dann wird es schwierig, den richtigen Weg zu finden, da die Muschelzeichen und gelben Pfeile oft nur von der anderen Seite zu erkennen sind. In meinem Wanderfuehrer stehen wertvolle Saetze wie: "Wenn sie von oben kommen, sehen sie unten bereits den Atlantik, laufen sie einfach darauf zu." Und was ist wenn ich von unten komme, "Suchen sie sich einfach den Berg ihrer Wahl?" Mit viel "arriba, abajo, iglesia, venga aqui" finde ich doch den richtigen Aufstieg und ich treffe ein letztes Mal auf Monika und Franz. Bald beginnt es fuerchterlich zu regnen, das hilft mir jedoch sehr, denn jetzt kann ich mich an den Fussspuren orientieren. 23.06.08: Sonnwendfeuer und Feuerwerk in Negreira Obwohl ich bereits gestern 35 km gelaufen bin und heute eine aehnliche Stecke vor mir habe, geht es meinem Koerper sehr gut. Ich geniese es richtig, alleine zu laufen, und meinen Gedanken nach zu haengen. Alle mir entgegen kommenden Pilger strahlen mich total an, die denken wohl, ich laufe komplett nach Hause zurueck (ich spinne doch nicht...) Francoise, die Belgierin aus der allerersten Herberge, mit der ich im baskischen Gottesdienst in St. Jean Pied de Port war, ruft schon von weitem "Sonja". Ich hatte nicht gedacht, sie nochmal zu sehen, sie ist naemlich nicht den Haupt-Camino gelaufen, sondern die Atlantik-Nordroute. Es gibt einfach keine Zufaelle auf dem Camino. Am Abend ist dann noch Sonnwendfeuer und Feuerwerk in einer Herberge, die auch gut als Scheiterhaufen zu verwenden gewesen waere. 24.06.08: mit Sonnenbrand nach Santiago Wer rechnet denn damit, dass in Spanien die Sonne scheint? Ausgerechnet heute, an meinem letzten Wandertag, hole ich mir noch einen Sonnenbrand. Macht aber nichts, denn ich freue mich sehr, die Tuerme der Kathedrale von Weitem wieder zu sehen, der Anblick ist heute noch schoener als beim ersten Mal. Fuer die Pilgermesse reicht es nicht mehr, doch dafuer weiss ich genau, wo es die besten Tapas gibt. Jetzt kann ich dann auch die ganzen Souvenir-Gschaefterl abklappern, weil das Gewicht meines Rucksacks keine grosse Rolle mehr spielt! Und wen treffe ich dabei: Annegret, Albert und Eberhard, die heute eingetroffen sind. Sie erzaehlen mir auch von Inge, die wir zurueck lassen mussten. Der Kreis schliesst sich und ich weiss jetzt von allen, die mir wichtig waren, wie es ihnen erging. Morgen um 7:00 Uhr geht es weiter mit einem ALSA-Bus nach Madrid, dort werde ich um 15:00 Uhr ankommen und bis Freitag bleiben, abends fliege ich dann von dort zurueck nach Basel. Nachtrag: Fast alle Pilger auf dem Jakobsweg sind sich einig, dass Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg", das Pilgern und den Camino am Besten beschreibt. Es gibt aber auch einen neuen Film: "Pilgern auf Franzoesisch", der zur Zeit noch in den Kinos ist, aber ab Herbst auf DVD, und von all den anderen Pilgern hoch gelobt wurde. Auch das Buch bzw. die DVD "The Secret" von Ronda Byrne wurde von mehreren Pilgern als Geheimtipp gehandelt. Ihr koennt aber natuerlich auch das Buch von meiner heiss geliebten Oesterreicherin Susanne Passet lesen, "Gefuehle sind wie das Meer" und somit ihre Verkaufszahlen in die Hoehe treiben ;-) Vielen Dank, dass Ihr mit so grossem Interesse meinen Camino verfolgt habt. Meine Erkenntnis des Caminos: Liebe das Leben und Lebe die Liebe.
Bis bald, daheim! Sonja P.S. In der Fotogalerie auf dieser Skiclub-Page gibt es jetzt auch ein paar Jakobsweg-Fotos.
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